Stadtpfarrkirche St. Hippolyt – St. Pölten

Weilheim, das erste Mal im Jahr 1010 urkundlich genannt, besaß zunächst nur eine Pfarrkirche, nämlich die Kirche St. Hippolyt. Im Bereich dieser Kirche und des ehemaligen, 1876 aufgelassenen Friedhofs fand man mehrere Tuffplattengräber, die um die Mitte des 8. Jahrhundert zu datieren sind. Zu dieser Zeit dürfte dort auch eine erste Kirche bestanden haben. Erstmals erwähnt wird sie in einem nach 1244 erstellten Verzeichnis der Pfarreien des Landkapitels Weilheim.

Die Geschichte der frühesten Glocken in der Pfarrkirche St. Hippolyt, die der Volksmund St. Pölten nennt, ist auf Grund fehlender Quellen nicht mehr nachzuvollziehen.

Bis zur Zerstörung des Turmhelmes und der Glocken durch einen Blitzschlag im August 1793 besaß St. Pölten drei Glocken, von denen, wie Franz Sales Gailler in seiner 1756 erschienenen „Vindelicia Sacra“ schreibt, „zwei gänzlich kunstlos, ohne jegliche Inschrift und ohne Kreuz“ waren. Die dritte, 1725 in München gegossene Glocke trug als Zier das Pollinger Kreuz, flankiert von den Heiligen Anna und Agatha. Unter dem Kreuz war die Inschrift „Beim heiligen Kreuzzeichen weicht ihr feindlichen Kräfte“ zu lesen.

1794 bekam man zwei Glocken als Ersatz. Die Pfarrei beschaffte selbst eine größere, die weder Bildschmuck noch Inschrift aufwies. Und da St. Pölten seit 1471 dem Pollinger Augustinerchorherrenstift inkorporiert war, überließ Propst Franz Töpsl der Pfarrei eine Glocke. Die sechs Zentner schwere, 1586 gegossene Glocke war bezeichnet mit „DER · ERWIRDIGE · IN · GOTT ·IACOBVS · SCHWARZ · PROBST · ZV · BOLINGEN · LVS · MICH · GIESSEN · IM · IAR · M · D· LXXXVI“. 1829 kam wieder eine dritte Glocke, die an Größe mittlere der drei, in den Turm. Auf ihr war zu lesen: „MICH · GOSS · WOLFGANG · HVBINGER · IN · MÜNCHEN · ANNO · 1829. / PFARRER WAR DAMALS JOHANN ROTHMÜLLER“.

Nachdem eine der Glocken 1876 zersprungen war, ließ die Pfarrei St. Pölten 1877 beim Weilheimer Glockengießer Erasmus Kennerknecht ein neues vollständiges, aus vier Glocken bestehendes Geläut gießen. Dazu verwendete man das Erz der alten Glocken.

Die erste, 693 kg schwere und auf den Ton F1 gestimmte Glocke wurde bei der Weihe am 29. Mai 1877 dem Hl. Märtyrer Hippolyt als Kirchenpatron dediziert. Die Glockenkrone bestand aus betenden Engeln. Geziert war die Glocke mit einem Kruzifix und Statuetten der Jungfrau Maria und des Hl. Hippolyt sowie der Inschrift: „ZUM UMGUSS / DIESER GLOCKEN / GABEN GROESSERE / BEITRAEGE / C. & K. DIALER  AG. HOECK / K. ZIMMERMANN, / A. SCHOETTL“. Die beiden weiteren Inschriften sind leider nicht im Wortlaut überliefert.

Die zweite Glocke, 356 kg schwer, mit der Stimmung A1, erhielt die Jungfrau Maria als Patronin. Als Schmuck dienten eine kleine Statuette der Patronin und einer weiteren Heiligen sowie die Inschriften: „Ave Maria, mater gratiae, ora pro nobis.“ und „Gegossen von Erasmus Kennerknecht in Weilheim. 1877“. Die dritte Glocke, auf C1 gestimmt, wies ein Gewicht von 201 kg auf und wurde zu Ehren der Hl. Mutter Anna geweiht. Sie war mit einer Statuette des Hl. Joseph mit dem Jesusknaben geziert. Am Glockenrand befand sich die Inschrift: „GEGOSSEN VON ERASMUS KENNERKNECHT IN WEILHEIM 1877“. Die mit 99 kg kleinste Glocke hatte den Ton F2 und als Patronin die Hl. Agatha. Auf dieser Glocke befanden sich ein Relief, das den Hl. Johannes von Nepomuk zeigte und am Glockenrand die Inschrift: „GEGOSSEN V. E. KENNERKNECHT IN WEILHEIM 1877“. Die übrigen Inschriften der dritten und vierten Glocke sind nicht überliefert.

Bis 1917 erklangen die Glocken, ehe sie dem Wahnsinn des Krieges geopfert werden mussten. Nur die große Glocke verblieb den St. Pöltnern und rief zunächst verwaist zu den Gottesdiensten. Dann überließ die Stadtgemeinde Weilheim der Vorstadtpfarrei als Ersatz für die abgelieferten Glocken die Steuerglocke aus dem Türmchen des Rathauses am Marienplatz.

Nach dem Ende des I. Weltkrieges machte sich die Pfarrei unter Pfarrer Alfons Bumiller an die Beschaffung neuer Glocken. Hans Kennerknecht, der Sohn des Erasmus, ergänzte die verbliebene väterliche Glocke durch drei neue. Alle drei Glocken zierte am oberen Rand ein Blumen-, Blatt- und Bandgewinde in Reliefausführung. Darüber hinaus war auf ihnen der Name des Meisters (Hans Kennerknecht) sowie das Jahr (1923) und der Ort des Gusses (Weilheim) vermerkt. Die größte Glocke der drei neuen wog 350 kg und war auf den Ton A1 gestimmt. Der Glockenpatron, der Hl. Joseph, war in Relief auf der Glocke zu sehen. Die auf C1 gestimmte Glocke wog 225 kg und hatte als Bildschmuck ein Relief ihres Patrons, des Hl. Georg. Die kleinste Glocke mit der Stimmung F2 hatte ein Gewicht von 150 kg. Als Zier diente ein Relief des Hl. Erzengels Michael. Die Inschriften der Glocken sind leider nicht überliefert.

Als 1942 die Glocken erneut abgeliefert werden mussten, verließen alle vier ihr Heim in luftiger Höhe auf Nimmerwiedersehen. Bald nach dem Ende des Krieges drängte es auch die Pfarrei St. Pölten nach neuen Glocken, die sie, wie auch Mariae Himmelfahrt, beim Bochumer Verein bestellte. Widrige Umstände führten jedoch dazu, dass die Glocken aus Gussstahl nicht geliefert werden konnten. Während im Turm von Mariae Himmelfahrt bereits 1947 neue Glocken erklangen, musste sich die Mutterpfarre Weilheims unter Stadtpfarrer Sebastian Hackl noch bis 1953 gedulden. Erst dann erhielt sie von der Landshuter Gießerei Johann Hahn neue Glocken. Die kleinste der Kennerknecht’schen Glocken hatte nicht abgeliefert werden müssen und wurde nun, um ein stimmiges Klangbild zu erhalten, umgegossen.


Bilder aus dem Glockenturm – 6.11.2015


Am 13. September 1953 konnte Dekan Philipp Rau von Polling schließlich vier neue Glocken weihen.

Die größte Glocke, 700 kg schwer und auf f1 gestimmt, wurde dem Pfarrpatron, dem Hl. Märtyrer Hippolyt geweiht, wovon auch das Relief mit der Darstellung des Heiligen und die Inschrift kündet: „HL. HIPPOLYTUS, IN DEM STREITE DIESER ERDE SEI DU UNSER SCHUTZPATRON ! / FÜR DEN HIRTEN UND DIE HERDE BITTE STETS AN GOTTES THRON!“

Die zweite Glocke, 350 kg schwer, mit der Stimmung a1, ziert eine Darstellung des Heiligsten Herzens Jesu und die Inschrift: „IN UNSEREN SEELISCHEN NÖTEN SEI DU, UNBEFLECKTES HERZ MARIÄ, UNSERE HILFE!“

Das Relief der dritten Glocke zeigt die Hl. Mutter Anna, Stadtpatronin seit 1632 und in St. Pölten hoch verehrt. Die Glocke mit dem Ton c2 hat ein Gewicht von 220 kg. Auf ihr ist zu lesen: „MUTTER ANNA, STEH UNS BEI IN ALLER LEIBESNOT UND SEGNE AUCH DIE FELDER FÜR UNSER TÄGLICH BROT!“, und auf dem unteren Glockenrand: „GESTIFTET VON FAMILIE KRIESMAIR, SCHÜTZENSTRASSE“.

Die vierte und zugleich kleinste Glocke, die auf d2 gestimmt ist, wiegt nur 150 kg. Sie ist dem Heiligen Joseph geweiht und wird durch ein Relief mit der Darstellung des Nährvaters Jesu und der Inschrift „HL. JOSEF, HILF UNS IN UNSERER STERBESTUNDE!“ geziert.

Joachim Heberlein

Stadtpfarrkirche Mariae Himmelfahrt

Gegen Ende des 12. Jahrhunderts wurde im Jahr 1176 erstmals als Markt genannten Ort eine zweite, der Jungfrau Maria geweihte Kirche errichtet. Diese romanische Kirche wurde im 14. Jahrhundert durch eine gotische dreischiffige Hallenkirche mit niedrigerem Chor ersetzt.

Im 1573 nach einem Blitzschlag umgestalteten Turm hingen vier Glocken. Diese Glocken wurden 1831 abgenommen und teils zum Umschmelzen nach München gebracht. Die größte Glocke, die ca. 1280 kg wog, wurde 1414, wie die Inschrift „Joannes † Marcus † Lucas † Matheus † anno Domini MCCCC anno XIIII Maister Oot“ berichtete, von einem nicht näher bekannten Meister Oot gegossen. Die andere, ca. 985 kg schwere Glocke goss man 1432. Sie trug die Inschrift: „anno Domini † MCCCC † XXXII † Osanna † Crux † est signum † Sacrum † et repa † rerum“ (Im Jahr des Herrn 1432 † Hosanna † Das Kreuz ist ein heiliges Zeichen und ein Heilmittel aller Dinge.). Die dritte Glocke mit einem Gewicht von ca. 144 kg trug keine Inschrift, so dass man ihre Entstehungszeit nicht mehr nachvollziehen kann. Stadtpfarrer Sedlmayr mutmaßte, dass sie, da sie den beiden anderen Glocken sehr ähnlich sah, etwa zur gleichen Zeit entstanden war. Bei der vierten, 114 kg schweren Glocke handelte es sich um die 1778 von Bürgermeister Mathias Landsberger gestiftete, sog. „Sterb-Glocke“. Sie kam, weil sie „ihr reiner Ton und ihre Brauchbarkeit von der Schmelze“ rettete, nach Unterdießen.

Darüber hinaus befand sich im Dachreiter der Westfassade das sog. „Zügenglöcklein“, das geläutete wurde, wenn sich der Priester mit den Sterbesakramenten zu einem in den letzten Zügen liegenden aufmachte. Das 1714 gegossene Zügenglöcklein war Jesus, Maria, Joseph und St. Benno geweiht.

1831: Fünf neue Glocken

Stadtpfarrer Johann Augustin Sedlmayr ließ zum Gedenken an die Zweihundertjahrfeier der Weihe der Stadtpfarrkirche Mariae Himmelfahrt beim Münchner Glockengießer Nikolaus Regnault fünf neue Glocken gießen. Sie wurden noch an der Gussstätte von Franz Ignatz von Streber, Weihbischof von München und Freising, geweiht. Auf allen Glocken befand sich zur Erinnerung an den Gießer die Inschrift „NICOLAUS REGNAULT  AUS MÜNCHEN. 1831.“

Die erste Glocke mit einem Gewicht von 1.932 kg war der Jungfrau Maria als Stadt- und Kirchenpatronin geweiht. Sie trug die Inschrift: „DIE STADTGEMEINDE WEILHEIM ZUR 200JÄHRIGEN JUBELFEYER DER EINWEIHUNG DER KIRCHE 1631. DANKBAR GEWEIHT 1831.“ und mehrere Reliefs, nämlich Christus am Kreuz mit Maria und Johannes, die Gottesmutter mit zwei Engeln und ein Gewitter über einem Kornfeld samt zwei Heiligen. Bei diesen handelte es sich um die Wetterheiligen Johannes und Paulus.

Die zweite Glocke, gestiftet vom Bierbrauer Martin Hipper, 1.540 kg schwer, wurde in Ehre des Hl. Martin sowie der Heiligen Apostel Philipp und Jakob geweiht und bekam die Inschrift „LIEBET DIE BRÜDER, FÜRCHTET GOTT, EHRET DEN KÖNIG. I. PETR. 2, 17.“ Die Reliefs zeigten ein Kruzifix, die Evangelistensymbole sowie die Heiligen Sebastian und Martin.

Die dritte Glocke, die zur Ehre des Hl. Augustinus, des Namenspatrons von Stadtpfarrer Sedlmayr geweiht wurde, hatte ein Gewicht von 756 kg. Auf ihr war folgende Inschrift „FRIEDE SEY MIT EUCH. LUKAS. 24, 6.“ Die Reliefs zeigten die Heiligen Augustinus und Johannes.

Als Sterbeglocke diente die vierte, 621 kg schwere Glocke. Sie wurde zur Ehre des Hl. Joseph, des Sterbepatrons, der auch der Namenspatron des damaligen Bürgermeisters und Apothekers Joseph Klieber war, geweiht. Die Inschrift lautete: „VOM SIEGER IST DER TOD VERSCHLUNGEN. I. COR. 15, 54.“ Die Reliefs zeigten ein Kruzifix, die Unbefleckt empfangene Jungfrau und Gottesmutter Maria und den Hl. Joseph.

Die fünfte und kleinste Glocke wog 364 kg und erhielt als Patron den Hl. Franz Xaver, Namenspatron des damaligen Stiftungsverwalters Vötterl und des Buchbinders Neuner, die das Unternehmen tatkräftig unterstützt hatten. Auf dieser Glocke, die als Messglocke Verwendung fand, war zu lesen: „SEYD STANDHAFT IM GEBETHE. ROM. 12, 12.“ Eine Darstellung des Todes des Hl. Franz Xaver auf der Insel Shangchuan Dao sowie der Gottesmutter mit dem Christusknaben und ein Kruzifix dienten als Glockenzier.

Waffenmaterial für den ersten Weltkrieg

Am Vorabend des Kirchweihfestes 1831 erhoben sie das erste Mal zusammen ihre Stimmen und begleiteten von da an die Weilheimer bis zum Jahr 1917 in Freud und Leid. Dann mussten vier der fünf Glocken im Kirchturm sowie die im Dachreiter der Westfassade hängende, 50 kg schwere Zügenglocke dem Wahnsinn des Krieges geopfert werden. Nur die größte Glocke, die Marien- oder Jubiläumsglocke, durfte im Turm bleiben. Ihre vier Schwestern, die gegossen worden waren, um vom Frieden Gottes zu künden, endeten als Waffenmaterial.

Nach dem I. Weltkrieg drängte es die Pfarrei nach neuen Glocken, und so wurde unter Stadtpfarrer Dr. Johann Baptist Damrich das Geläut durch den Weilheimer Glockengießer Hans Kennerknecht wieder komplettiert.

Den Gefallen zur Ehre

Zur erhalten geblieben Marienglocke traten vier neue Glocken, deren größte 850 kg schwer war und den Ton Fes erhielt. Sie erinnerte an die Gefallenen des I. Weltkriegs. Dies verdeutlichte nicht nur die Inschrift „DIE STADT WEILHEIM IHREN IM WELTKRIEG 1914 – 1918 GEFALLENEN SOEHNEN ZUM GEDAECHTNIS. UNTER STADTPFARRER DR. DAMRICH GOß UNS HANS KENNERKNECHT WEILHEIM“, sondern auch die Glockenkrone, die aus vier Kriegerköpfen mit Stahlhelmen gebildet wurde. Als weiterer Glockenschmuck dienten das Stadtwappen und ein Bild der Muttergottes. Die dritte Glocke, 425 kg schwer und auf As gestimmt, trug als Bildschmuck ein Relief des Heiligsten Herzens Jesu und verdeutlichte durch ihre Inschrift „FRIEDE SEI MIT EUCH. L 24, 36. IN SCHWERER ZEIT GESTIFTET VON DER GESAMT-BUERGERSCHAFT WEILHEIMS!“ den nach langen Jahren des Krieges und des wirtschaftlichen Niedergangs sich sehnsuchtsvoll aus den Herzen drängenden Wunsch nach Frieden und Wohlergehen.

Als Sterbeglocke diente die vierte, 300 kg schwere und auf B gestimmte Glocke. Sie zierte ein Relief des als Sterbepatron verehrten Hl. Joseph und die Inschrift „HERR GIB IHNEN DIE EWIGE RUHE!“. Die kleinste Glocke mit dem Ton C wies ein Gewicht von 225 kg auf und zeigte neben der Inschrift „SEID STANDHAFT IM GEBET! ROEM 12, 12“ ein Kruzifix.

Gerade einmal 19 Jahre sangen die 1923 gegossenen Glocken ihr erbauliches Lied über die Straßen und Gassen der alten Stadt, denn 1942 mussten sie erneut zu Kriegszwecken abgeliefert werden.

Zum zweiten Mal Kriegsopfer

Als die Schrecken des II. Weltkriegs vorüber waren, hielten die Weilheimer Ausschau nach ihren alten Glocken. Ihnen war leider nicht das Glück wie vielen anderen ihrer erzenen Schwestern zuteil geworden, der Einschmelzung zu entgehen.  Auf dem Glockenfriedhof in Hamburg fand sich von ihnen keine Spur. So machte sich die Pfarrgemeinde unter Stadtpfarrer Alois Braunmiller daran, ein neues Geläute zu schaffen. Da Bronzeglocken auf Grund des herrschenden Materialmangels nicht zu bekommen waren, verlegte man sich auf Stahlglocken, die man beim Bochumer Verein bestellte. Am 3. August 1947 konnte der Stadtpfarrer auf dem Marienplatz schließlich fünf, durch Spenden der Stadt Weilheim und der Bürger finanzierte neue Glocken weihen. Außer den Inschriften zeigten sie, ganz Kinder ihrer Zeit, keinerlei Bildschmuck.

Die größte wurde in guter Tradition wieder Maria als der Stadt- und Kirchenpatronin geweiht. Sie wiegt 2.250 kg und ist auf den Ton C gestimmt. Auf der Vorderseite steht „AVE MARIA, SCHUTZHERRIN WEILHEIMS“ und auf der Rückseite „STADTPFARRER BRAUMILLER“ (sic!).

Die zweite Glocke erinnerte erneut an die auf den Schlachtfeldern des Krieges Gefallenen. Auf der Glocke mit dem Ton E, die 1.150 kg wiegt, ist zu lesen „DEN GEFALLENEN SÖHNEN WEILHEIMS.“

Als Friedensglocke diente die dritte, 680 kg schwere und auf den Ton G gestimmte Glocke. Wie bei ihrer Vorgängerin drückt auch hier die Inschrift die Sehnsucht nach dem Frieden aus: „GIB UNSERER STADT, O HERR, JENEN FRIEDEN, DEN NUR DU GEBEN KANNST!“.

460 kg wiegt die vierte Glocke, die auf A gestimmt ist. Sie diente, wie die Inschrift „ICH RUF´ DIE STUND´ ZUM BETEN, HERR, GIB UNS DEINEN SEGEN“ verdeutlichte, als Gebetsglocke.

Die fünfte und kleinste Glocke hat ein Gewicht von 290 kg und den Ton C. Ihre Inschrift „GEDENKET DER ARMEN SEELEN IM GEBETE!“ erinnert an alle Verstorbenen.

Neuguss im Jahr 2004

Damals hoffte man, dass die Glocken „manche Jahrhunderte ihr erbauliches Lied über die Stadt singen“. Diese Hoffnung erfüllte sich jedoch nicht. Denn im Zuge der Renovierungsmaßnahmen der Stadtpfarrkirche zeigte sich, dass der Glockenstuhl aus Stahl sowie die Schwingung der Glocken zum desolaten Bauzustand der Kirche beitrugen. Daher entschloss sich die Kirchenverwaltung unter Stadtpfarrer Hans Appel, ein neues Geläut samt einem aus Lärchenholz errichteten Glockenstuhl in Auftrag zu geben. In der traditionsreichen Innsbrucker Glockengießerei Grassmayr wurden am 25. Juni 2004 sechs neue Glocken für Mariae Himmelfahrt gegossen. Am 3. Oktober 2004 erhielten sie von Stadtpfarrer Appel die kirchliche Weihe und erklangen das erste Mal am Vorabend des Kirchweihfestes, am 16. Oktober.


Bilder aus dem Glockenturm von Mariae Himmelfahrt – 6.11.2015


Die größte, 2.890 kg schwere und auf h/0 gestimmte Glocke wurde in alter Tradition erneut der Stadt- und Kirchenpatronin Maria geweiht, worauf auch die Inschrift „PATRONIN · VOLLER · GÜTE · UNS · ALLEZEIT · BEHÜTE“ verweist. Sie zeigt auf der Vorderseite in Relief die auf der Mariensäule stehende Muttergottes von Ignaz Degler und in Erinnerung daran, dass die Bürgerschaft und die Vereine Weilheims die Kosten der Glocke übernahmen, auf der Rückseite die Westseite des Marienplatzes.

Die zweite Glocke, die Herz-Jesu-Glocke, die als Gebetsglocke dient und dreimal am Tag im „Engel des Herrn“ an die Menschwerdung des Erlösers erinnert, hat die Stimmung cis/1 und wiegt 1.850 kg. Die von der Winfried und Centa Böhm-Stiftung gestiftete Glocke ziert eine Darstellung des als Gnadenbild verehrten Lebensbaumes in der Stadtpfarrkirche und die Inschrift „LAUDO · VOCO · ET · CONGREGO / PLORO · FUGO · ET · DECORO“ (Ich lobe, ich rufe und ich versammle. Ich beweine, ich vertreibe und ich ziere.)

Als „Auferstehungsglocke“ wird die dritte, auf den Ton e/1 gestimmte und 1.400 kg schwere Glocke bezeichnet. Auf der Glocke, die von der Raiffeisenbank Weilheim gestiftet wurde, ist ein Relief des Auferstandenen zu sehen. Die Inschrift „IN · CHRISTO ·  JESU ·  UNSEREM ·  HERRN ·  WOLLEN ·  WIR · LEBEN ·  UND ·  STERBEN ·  GERN“ greift ein Zitat des Weilheimer Malers Elias Greither d. Ä. († 1646) auf.

Die von der Jubiläumsstiftung der Vereinigten Sparkassen im Landkreis Weilheim gestiftete vierte Glocke, die sog. Friedensglocke hat ein Gewicht von 550 kg und den Ton gis/1. Sie ist in Erinnerung an das einstige Weilheimer Franziskanerkloster und dem aus dem Franziskanerorden stammenden vierten Stadtpatron, den Hl. Antonius von Padua, dem Hl. Franziskus von Assisi, dessen Bild sie in Relief ziert, geweiht. Die Inschrift „PAX · ET · BONUM“ (Frieden und Heil), womit der Heilige Franz seine Briefe schloss, spiegelt die ewig gleiche Sehnsucht nach Frieden wieder.

An den seligen Pater Rupert Mayer SJ, den unerschrockenen Prediger gegen das NS-Regime, erinnert die von der Familie Lipp gestiftete fünfte Glocke, die 380 kg wiegt und auf den Ton h/1 gestimmt ist. Neben dem Bild des Seligen, der mehrere Male auch in Weilheim gepredigt hat, ziert sie die Inschrift „ICH · KANN · NICHT · SCHWEIGEN“.

Die kleinste Glocke des Geläuts, gestiftet von den damaligen Mitgliedern der Kirchenverwaltung von Mariae Himmelfahrt, wiegt gerade einmal 33 kg. Sie, die auf fis/3 gestimmt ist, erinnert an den zweiten Patron der Stadtpfarrkirche, den Hl. Bischof Benno von Meißen. Das Attribut des Heiligen, ein Fisch mit dem Meißner Domschlüssel und die Inschrift „EUER · HERZ · SEI · OHNE · ANGST“ zieren die Glocke.

Alle Glocken zeigen außerdem am oberen Rand das von Weilheim aus sichtbare Alpenpanorama. Es erinnert daran, dass Weilheim einst als „vor dem Gebirg gelegen“ bezeichnet wurde. In der Mitte dieses umlaufenden Bandes befindet sich eine Kartusche, die den Abtstab des Wessobrunner Abtes Beda Schallhammer zeigt. Dies erinnert daran, dass die Stadtpfarrei von 1244 bis 1803 dem Benediktinerkloster Wessobrunn inkorporiert war und dass Weilheim zudem der Mittelpunkt des Pfaffenwinkels ist.

Joachim Heberlein

Dreifaltigkeitskirche beim Heilig-Geist-Spital

Am heutigen Kirchplatz stand bis zu ihrem Abbruch im Jahre 1827 die der Heiligsten Dreifaltigkeit geweihte Kirche des um 1328 durch den Münchner Patrizier Ludwig Püttrich d. Ä. gestifteten Heilig-Geist-Spitals. Im Turm der um 1476 gebauten Kirche hingen zwei Glocken, die 1827 zu neuen Glocken für die im Stil des Klassizismus umgestaltete, ehemalige Franziskanerkloster- und nunmehrige Spitalkirche umgeschmolzen wurden.

Die beiden Glocken entstammten wohl dem 15. Jahrhundert, wobei nur die kleinere mit Sicherheit zu datieren ist. Die größere Glocke trug die Namen der vier Evangelisten, jedoch keine Jahreszahl. Die kleinere Glocke hatte die Aufschrift: „? ?. Maister † Ma… † anno † Domini † Millesimo CCCC † LXXVI (1476) † jar“.

Die Türme der neuen, von Leonhard Schmidtner gestalteten Dreifaltigkeitskirche nahmen zwei 1827 von Wolfgang Hubinger in München gegossene Glocken im Gewicht von 185 bzw. 115 kg auf. Die größere Glocke war den beiden sog. Wetterherren, den Heiligen Märtyrern Johannes und Paulus, die kleinere der Heiligen Maria Magdalena geweiht. Beide Glocken fielen 1917 der Einschmelzung zum Opfer.

An ihre Stelle traten im Jahr 1923 zwei vom Weilheimer Glockengießer Hans Kennerknecht gegossene Glocken im Gewicht von 175 bzw. 125 kg. Am 19. April 1923 wurden die neuen Glocken für die katholischen Kirchen der Stadt in einer gemeinsamen Feier am Marienplatz geweiht. Nachdem Stadtpfarrer Dr. Johann Baptist Damrich die Glocken für Mariae Himmelfahrt und Pfarrer Alfons Bumiller die Glocken für St. Pölten geweiht hatte, weihte Spitalkurat Georg Greinwald die Glocken für die Dreifaltigkeitskirche.

Die größere Glocke, die sog. Ave-Maria-Glocke, ist mit einem Bild des Heiligen Geistes sowie der Jungfrau Maria geschmückt und trägt die Inschrift: „AVE MARIA“ und „HANS KENNERKNECHT IN WEILHEIM. 1923“. Die kleinere, die St.-Joseph- oder Sterbe­glocke, zeigte auf der einen Seite ein Kruzifix und auf der anderen Seite ein Bild des Heiligen Joseph und die Inschrift: „S. Josef tuere nos morientes“ (Heiliger Joseph tritt ein für unsere Sterbenden). Der Ablieferung 1942 fiel nur die St. Josephs-Glocke zum Opfer. Sie wurde 1965 durch eine von Georg Hofweber in Regensburg gegossene, 139 kg schwere Heilig-Kreuz-Glocke mit dem Ton „es“ ersetzt. Auf ihr befindet sich neben einer Kreuzesdarstellung die Inschrift „CRUX AVE SPES UNICA“ (Sei gegrüßt o Kreuz, du einzige Hoffnung).

Joachim Heberlein


Bilder aus den beiden Türmen der „Heilig-Geist-Kirche“ – Sommer 2015


Tonaufnahmen der Glocken der „Heilig-Geist-Kirche“ vom 27.11.2016 (per Hand geläutet)

      Heilig Geist Spital - Glocke 1
      Heilig Geist Spital - Glocke 2
      Heilig Geist Spital - volles Geläut

Recording: Tillman Wahlefeld


 

Friedhofskirche St. Salvator und St. Sebastian auf dem Betberg

Im Turm der Friedhofskirche St. Salvator und St. Sebastian befinden sich zwei Glocken, von denen eine aus einem anderen Zusammenhang stammt und erst in Zweitverwendung ihren Platz auf dem Betberg fand.

Die größere der beiden Glocken könnte, wie die auf ihr angegebene Jahreszahl 1081 vermuten lässt, einst ihre Heimat im Turm von St. Pölten gehabt haben. Sie wurde im Laufe der Jahrhunderte unter Verwendung des alten Erzes zweimal umgegossen. Der erste Umguss erfolgte 1481, der zweite 1584, als Hans Guggemoos den Turm der Friedhofskirche erbaute.

Die Glocke zieren neben einem Relief mit Christus am Kreuz und Maria und Johannes die Inschriften „ANNO DOMINI · M · LXXXI · FACTA SVM PRIMO / ANNO · M · CCCC · LXXXI RENOATA SVM“  (Im Jahr des Herrn 1081 wurde ich das erste Mal geschaffen. Im Jahre 1481 bin in erneuert worden.) und „FVSA SVM A THOMA STICKL SVB AEDILIBUS WOLFGANG GLANER ET MARTIN GEBHART : ANNO . M. D. LXXXIII.“ (Gegossen wurde ich von Thomas Stickl unter den Bürgermeistern Wolfgang Glaner und Martin Gebhart im Jahre 1584).

Die kleinere Glocke wurde 1619 gegossen. Neben den Inschriften „WOLFGANGUS RUETHARD, WILHALM · EVSVOGL · 1619“ und „CASPAR SCHÜTZ“, welcher wohl der Gießer der Glocke war, ziert sie eine Darstellung der Unbefleckten Empfängnis Mariens.

Joachim Heberlein


Bilder aus dem Glockenturm der Friedhofskirche – August/November 2015


 

St. Johann in Töllern

Die weit im Norden vor den Toren der Stadt gelegene, den beiden Heiligen Johannes dem Täufer und Johannes Evangelist geweihte Kirche, besaß, wie der 1756 erschienenen Vindelicia Sacra von Franz Sales Gailler zu entnehmen ist, zwei Glocken.

Die größere der beiden Glocken zeigte weder Bild noch Inschrift. Sie wurde 1831 für das neue Geläut der Stadtpfarrkirche eingeschmolzen und 1844 durch eine neue, von Daniel Kennerknecht gegossene, größere ersetzt. Die 49 kg schwere, auf Fis gestimmte Glocke fiel der Glockenablieferung im I. Weltkrieg zum Opfer.

Auf der kleineren war zu lesen „† W. Steger gos mich in Minchen 1582 iar“ sowie „S. Koch“ und „V. Pognerin“. Sie musste, obwohl sie ob ihres Alters als erhaltenswert eingestuft worden war, 1942 dem Wahnsinn des Krieges geopfert werden.

1955 bekam das Kirchlein eine neue Glocke, die der Kemptner Glockengießerei Engelbert Gebhard entstammt. Die 42 kg schwere Glocke ist auf den Ton b2 gestimmt und hat als einzige Zier die auf einen Vorschlag von Willi Mauthe zurückgehende Inschrift „METANOEITE“ (Denket um!).

Joachim Heberlein


Bilder aus St. Johann in Töllern – Sommer 2015


Heilig-Kreuz-Kirche

Im Turm der an der Fischergasse gelegenen Heilig-Kreuz-Kirche hingen einst ebenfalls zwei Glocken.

1942 wurde die kleinere der beiden Glocken auf die Dauer des Krieges an die Filialkirche St. Anna in Hechendorf verliehen. Von dort kehrte sie nicht mehr in die Heimat zurück und ist heute verschollen.

Die größere Glocke zeigt die Inschrift „o . rex. Glorie . veni . cum . pace . 1499 . jar . gos . mich . ulrich . v . der . rosen“ (O König der Herrlichkeit, komm mit Frieden).

Auf der kleineren befanden sich als Glockenzier Reliefs, welche die Unbefleckte Empfängnis Mariens und eine Pietà zeigten, sowie die Inschrift „† LAVDAMUS · DEO · GRACIA · MARIA · PETER · LAMINGER VON DEM HAILIGEN KRAIZ MCCCCLXXXXVIIII“. Peter Laminger war ein in Innsbruck ansässiger Glockengießer, dem Kaiser Friedrich III. ein neues Wappen und das Adelsprädikat „de Santa Cruce“ (vom heiligen Kreuz) verliehen hatte.

Joachim Heberlein


Bilder aus der Kreuzkapelle und aus dem schwer zugänglichen Glockenturm – August 2015


 

Evangelische Apostelkirche

Über diese Rechnung hätte sich Kirchenpfleger Martin Herzog, der Herr über die Finanzen der Weilheimer Apostelkirche, gefreut: Etwas mehr als 2000 Euro für drei neue Glocken. Und die Montage war sogar noch dabei. Tja, 1899 hätte man Kirchenpfleger sein sollen: 4248 Mark verlangte die Firma Erasmus Kennerknecht aus Weilheim für die ersten Glocken, die in der, wie sie damals hieß, Protestantischen Stadtpfarrkirche Weilheim in der Münchner Straße zum Gottesdienst rufen sollten. Aber natürlich war auch das viel Geld für die damalige Zeit, als die evangelischen Christen in der oberbayerischen Kleinstadt ihr erstes Gotteshaus bezogen.

Aber die Zahlen heute, im Herbst 2016, sie lesen sich dann doch etwas dramatischer: Allein die drei neuen Glocken der Gießerei Bachert in Karlsruhe kosten zusammen etwa 45 000 Euro. Mit der notwendigen Erneuerung des Glockenstuhls, der Montage und der aufwändigen Bauarbeiten muss die evangelische Kirchengemeinde gut 125 000 Euro aufbringen. Doch Kirchenpfleger Herzog, der mit einem eigens gegründeten Arbeitskreis das außerordentliche Ereignis begleitet und organisiert, kann bei der Finanzierung ziemlich bald Vollzug melden: Die drei Glocken werden von drei Weilheimer Familien gestiftet, die Kosten von 12 500 Euro für den Glockenstuhl teilen sich weitere fünf Weilheimer Familien. 15 000 Euro kommen von der Stadt Weilheim, 20 000 Euro von der Winfried und Centa Böhm Stiftung. Zudem beteiligen sich zahlreiche Unternehmen und Geschäftsleute mit zum Teil namhaften Spenden an der Finanzierung. Deshalb kann das Lutherjahr 2017 in Weilheim am ersten Adventssonntag mit einem neuen Geläut aus vier Glocken im Turm der Apostelkirche eingeläutet werden.

2014 hatte die Kirchengemeinde den Entschluss gefasst, das Geläute umfassend und nachhaltig sanieren zu lassen. Dafür gab es viele Gründe, wie Kirchenmusikdirektor Walter Erdt, Kantor der Apostelkirche und einer der Glockensachverständigen der evangelischen Landeskirche, erzählt. Und er zitiert aus einem Gutachten seines Sachverständigenkollegen Rainer Dietz aus Dachau, der nach einer Begutachtung der Weilheimer Glocken zu dem Schluss kam: „Der Glockenstuhl ist in extrem schlechtem Zustand und muss zeitnah erneuert werden. Alternativ sollte über eine Stilllegung des Geläutes nachgedacht werden. Die beiden historischen Glocken könnten als Einzelglocken weiterbetrieben werden. Für ein Ensemblegeläute sind die Glocken ungeeignet.“ Dietz empfahl deshalb die Anschaffung eines neuen Glockenstuhles aus Eiche, den Austausch der beiden historischen Leihglocken, den Guss einer zusätzlichen Glocke, um das Klangloch zu schließen sowie den Umbau der vorhandenen Läutemaschinen. Dieser Empfehlung, der sich auch Erdt anschloss, wurde vom Kirchenvorstand gefolgt.


Das Geläute der Evang. Apostelkirche im September 2016, kurz vor der Demontage des alten Glockenstuhls aus Stahl:


Wie Walter Erdt erläutert, fungiert als Grundglocke weiterhin die große Glocke, die bereits 1953 hergestellt wurde und im Turm bleibt. Die beiden historischen Glocken wurden durch Glocken mit den gleichen Nominalen (Tönen) und dem gleichen Klangbild wie die große Glocke (die sogenannte Molloktavglocke) ersetzt. „Das Geläute weist daher weiterhin ein vertrautes Klangbild auf“, sagt Erdt. Die Rippen, die Wandung, und damit das Gewicht der Glocken wurden allerdings stärker ausgeführt. Die Qualitätsrichtlinien des Beratungsausschusses für das deutsche Glockenwesen schreiben eine saubere Innenharmonie sowie eine Mindestresonanz, die Nachklangdauer, der Teiltöne vor. Diese Mindestresonanz wird in den Gießereien jeweils direkt nach dem Guss in einer Werksprüfung festgestellt. Und erst wenn die Kriterien erfüllt sind, werden die Glocken zum Transport freigeben. Außerdem wurde das „Klangloch“, das im Geläut der Apostelkirche zwischen der großen und der mittleren Glocke klaffte (ein großer Abstand in den Tönen), mit einer vierten Glocke gefüllt.

Mehr Läutekombinationen

Dies hat, so erklärt Kantor Erdt, nicht nur musikalische Gründe, sondern ermöglicht wesentlich mehr Läutekombinationen. Da alle Glocken klanglich sehr gut untereinander harmonieren, kann sehr differenziert geläutet werden. „Die Aufgabe der Glocke ist ja nicht nur, anzuzeigen, dass eine liturgische Handlung stattfindet, sondern auch welche“, so Erdt. Dieser Grundsatz gilt schon seit dem Mittelalter: „Dies geht aber eben nur mit einer entsprechenden Anzahl von Glocken.“ In einer Läuteordnung ist genau festgelegt, zu welchem Anlass welche Glocken läuten, zum Gottesdienst anders wie zur Taufe oder Trauung, an Festtagen anders wie in der Fastenzeit oder auch zum Tageszeitengebet mit Einzelglocken. Oft werden Glocken deshalb auch nach ihrer Bestimmung benannt (Taufglocke, Vaterunserglocke etc.). Die neuen Weilheimer Glocken erhielten die Namen von Aposteln als Verbindung zum Kirchennamen Apostelkirche, der übrigens erst nach dem Umbau 1963 festgelegt wurde.


Tonaufnahmen der Glocken der Evang. Apostelkirche vom 27.11.2016

      Apostelkirche Weilheim - Glocke 1 solo
      Apostelkirche Weilheim - Glocke 2 solo
      Apostelkirche Weilheim - Glocke 3 solo
      Apostelkirche Weilheim - Glocke 4 solo

Recording: Tillman Wahlefeld


Japanische Glockenzier

Als Inschriften wurden Psalmen ausgesucht. In der vom 1974 in Tokio geborenen und in München lebenden Künstler Shigeyuki Miyagawa hergestellten Bildzier werden die Inschriften mit den Apostelsymbolen verbunden: Die große Glocke trägt den Namen Johannes, das Symbol ist der Adler und die Inschrift lautet Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang sei gelobet der Name des Herrn (Psalm 113,3). Die mittlere Glocke heißt Petrus, dessen Symbol der Schlüssel ist. Die Inschrift: Herr tue meine Lippen auf, daß mein Mund deinen Ruhm verkündige (Psalm 51,15). Die kleine Glocke trägt den Namen des Apostel Paulus, sein Symbol ist das Schwert. Unser Gott kommt und schweigt nicht (Psalm 50,3) heißt die Inschrift. Die drei Weilheimer Glocken, die durch Spenden der alteingesessenen Familien Handel, Liebl und Erdt finanziert wurden, erklingen in den Tonlagen g‘ (groß), a‘ (mittel) und c‘‘ (klein). Alle drei sind aus Bronze gegossen. Die alte, größte Glocke hat den Schlagton e‘ und besteht aus dem Material Euphon.

Glocken für Generationen

Ein neues Geläut ist für viele Kirchengemeinden ein Jahrhundert-Ereignis, eine Anschaffung, die nur alle paar Generationen mal über die Bühne geht – nicht so in Weilheim, wie die Geschichte zeigt.

Für die bereits erwähnten 4248 Mark bekam die neugotische Kirche, für die 1898 der Grundstein gelegt worden war, ein Jahr später drei Glocken: die größte mit dem Schlagton E und einem Gewicht von 18 Zentnern, die mittlere hatte den Ton Gis und wog neun Zentner und die kleinste mit fünfeinhalb Zentnern läutete mit dem Schlagton H. Knapp 18 Jahre konnten die drei Glocken ihrer Aufgabe nachkommen. Einer Aufgabe, die Weilheims Pfarrer Eberhard Hadem in einem „Geistlichen Wort“ im vierteljährlichen erscheinenden Gemeindebrief der Apostelkirche so beschreibt: Das Glockengeläut der eigenen Kirche stiftet Identität. „Die Glocken unserer Kirche erinnern mich daran“, sagt jemand zu mir, „dass ich hier zuhause bin.“ Und betont: „Als Christ, aber auch als Oberbayer, als Bürger der Stadt.“ Die Glocken rufen zu den Gottesdiensten, zu Taufe und Trauung, zur Beerdigung, zum Beten beim Vaterunserläuten, zum Morgen-, Mittags- und Abendgebet. Mögen Glocken auch in regelmäßigen Abständen erklingen und so dem Tag eine gewisse Struktur geben, so ist ein wichtiger Sinn ihres Daseins, die Monotonie und die Eigensinnigkeit des Alltags zu unterbrechen… Sie setzen unüberhörbare Impulse. Nicht unendlich oder penetrant lange, sondern kurz. Damit fördern sie die Aufmerksamkeit und die Wachsamkeit gegenüber allem, was auf Erden geschieht.

Glocken für Kanonen

Leider geschah es auf Erden zweimal, dass evangelische Glocken in Weilheim zum Verstummen gebracht wurden. 1917, während des Ersten Weltkriegs, wurden die große und die mittlere Glocke zu Rüstungszwecken eingeschmolzen. Acht Jahre später gab es zwei neue Glocken, deren Töne und Gewicht in keinen Aufzeichnungen mehr ersichtlich sind. Bekannt sind wohl die Inschriften auf den Glocken. Auf der erhaltenen kleinen Glocke stand: Ehre sei Gott in der Höhe. Auf den beiden neuen Glocken, die von der Firma Franz Schilling aus Apolda (Thüringen) hergestellt wurden, standen wohl die gleichen Sprüche wie auf ihren eingeschmolzenen Vorgängern: Friede auf Erden und Den Menschen ein Wohlgefallen. 1942, während des Zweiten Weltkriegs, mussten erneut zwei Glocken abgeliefert werden, um daraus Kriegsgerät zu schaffen.


Historische Tonaufnahmen der Glocken der Evang. Apostelkirche vom 24.10.2016 im alten Stahl-Glockenstuhl

      Apostelkirche Weilheim - Vaterunser-Glocke (1) 24.10.2016
      Apostelkirche Weilheim - Volles Geläut 24.10.2016

Recording: Tillman Wahlefeld


Elf Jahre später, 1953, gab es dann ein komplett neues Geläut im Kirchturm der Apostelkirche, das bis zum Herbst 2016 seinen Dienst versah: Die noch vorhandene kleine Glocke von 1899 wurde eingeschmolzen und der Erlös als Anzahlung zur Anschaffung einer neuen Glocke der Gießerei Czudnochowsky in Erding verwendet. Ergänzt wurde das Geläut durch zwei Leihglocken aus den ehemaligen Ostgebieten: eine 465 Kilo schwere Glocke von 1709 mit dem Schlagton a‘ (Gießer Sebastian und Sigmund Goetz aus Breslau/Gimmel) und eine 265 Kilo schwere Glocke von 1810 mit dem Schlagton c‘‘ (Gießer George Benjamin Krieger aus Breslau/Dirsdorf). Die beiden Leihglocken stammten vom Hamburger Glockenfriedhof, sie waren dort zwangsabgeliefert worden, aber nicht eingeschmolzen. Die Glocken aus den ehemaligen Ostgebieten wurden nach Kriegsende an  Kirchengemeinden verteilt, deren Glocken eingeschmolzen worden waren und die kein Geld hatten, sich neue anzuschaffen. Weilheim musste sich allerdings vertraglich verpflichten, die Glocken nicht zu verkaufen, zu verändern oder umzugießen – offiziell gehören sie immer noch den beiden Gemeinden Gimmel und Dirsdorf in Schlesien. Man hatte sogar befürchtet, dass die Kirchengemeinden nach der Wiedervereinigung die Glocken zurückfordern könnten. Dies war aber nicht der Fall. Und Versuche, sie jetzt wieder zurückzugeben, scheiterten. Sie werden dort nicht mehr gebraucht.

Deshalb wird die große der beiden Leihglocken ins Gemeindezentrum in Huglfing gebracht. Die kleinere Glocke kommt in das schlesische Museum in Königswinter, wo bereits Glocken ausgestellt sind. Die große Glocke von 1953 gibt im Turm der Apostelkirche weiterhin den Ton im Geläut mit den drei neuen Glocken an.

Ralf Scharnitzky