Evangelische Apostelkirche

Über diese Rechnung hätte sich Kirchenpfleger Martin Herzog, der Herr über die Finanzen der Weilheimer Apostelkirche, gefreut: Etwas mehr als 2000 Euro für drei neue Glocken. Und die Montage war sogar noch dabei. Tja, 1899 hätte man Kirchenpfleger sein sollen: 4248 Mark verlangte die Firma Erasmus Kennerknecht aus Weilheim für die ersten Glocken, die in der, wie sie damals hieß, Protestantischen Stadtpfarrkirche Weilheim in der Münchner Straße zum Gottesdienst rufen sollten. Aber natürlich war auch das viel Geld für die damalige Zeit, als die evangelischen Christen in der oberbayerischen Kleinstadt ihr erstes Gotteshaus bezogen.

Aber die Zahlen heute, im Herbst 2016, sie lesen sich dann doch etwas dramatischer: Allein die drei neuen Glocken der Gießerei Bachert in Karlsruhe kosten zusammen etwa 45 000 Euro. Mit der notwendigen Erneuerung des Glockenstuhls, der Montage und der aufwändigen Bauarbeiten muss die evangelische Kirchengemeinde gut 125 000 Euro aufbringen. Doch Kirchenpfleger Herzog, der mit einem eigens gegründeten Arbeitskreis das außerordentliche Ereignis begleitet und organisiert, kann bei der Finanzierung ziemlich bald Vollzug melden: Die drei Glocken werden von drei Weilheimer Familien gestiftet, die Kosten von 12 500 Euro für den Glockenstuhl teilen sich weitere fünf Weilheimer Familien. 15 000 Euro kommen von der Stadt Weilheim, 20 000 Euro von der Winfried und Centa Böhm Stiftung. Zudem beteiligen sich zahlreiche Unternehmen und Geschäftsleute mit zum Teil namhaften Spenden an der Finanzierung. Deshalb kann das Lutherjahr 2017 in Weilheim am ersten Adventssonntag mit einem neuen Geläut aus vier Glocken im Turm der Apostelkirche eingeläutet werden.

2014 hatte die Kirchengemeinde den Entschluss gefasst, das Geläute umfassend und nachhaltig sanieren zu lassen. Dafür gab es viele Gründe, wie Kirchenmusikdirektor Walter Erdt, Kantor der Apostelkirche und einer der Glockensachverständigen der evangelischen Landeskirche, erzählt. Und er zitiert aus einem Gutachten seines Sachverständigenkollegen Rainer Dietz aus Dachau, der nach einer Begutachtung der Weilheimer Glocken zu dem Schluss kam: „Der Glockenstuhl ist in extrem schlechtem Zustand und muss zeitnah erneuert werden. Alternativ sollte über eine Stilllegung des Geläutes nachgedacht werden. Die beiden historischen Glocken könnten als Einzelglocken weiterbetrieben werden. Für ein Ensemblegeläute sind die Glocken ungeeignet.“ Dietz empfahl deshalb die Anschaffung eines neuen Glockenstuhles aus Eiche, den Austausch der beiden historischen Leihglocken, den Guss einer zusätzlichen Glocke, um das Klangloch zu schließen sowie den Umbau der vorhandenen Läutemaschinen. Dieser Empfehlung, der sich auch Erdt anschloss, wurde vom Kirchenvorstand gefolgt.


Das Geläute der Evang. Apostelkirche im September 2016, kurz vor der Demontage des alten Glockenstuhls aus Stahl:


Wie Walter Erdt erläutert, fungiert als Grundglocke weiterhin die große Glocke, die bereits 1953 hergestellt wurde und im Turm bleibt. Die beiden historischen Glocken wurden durch Glocken mit den gleichen Nominalen (Tönen) und dem gleichen Klangbild wie die große Glocke (die sogenannte Molloktavglocke) ersetzt. „Das Geläute weist daher weiterhin ein vertrautes Klangbild auf“, sagt Erdt. Die Rippen, die Wandung, und damit das Gewicht der Glocken wurden allerdings stärker ausgeführt. Die Qualitätsrichtlinien des Beratungsausschusses für das deutsche Glockenwesen schreiben eine saubere Innenharmonie sowie eine Mindestresonanz, die Nachklangdauer, der Teiltöne vor. Diese Mindestresonanz wird in den Gießereien jeweils direkt nach dem Guss in einer Werksprüfung festgestellt. Und erst wenn die Kriterien erfüllt sind, werden die Glocken zum Transport freigeben. Außerdem wurde das „Klangloch“, das im Geläut der Apostelkirche zwischen der großen und der mittleren Glocke klaffte (ein großer Abstand in den Tönen), mit einer vierten Glocke gefüllt.

Mehr Läutekombinationen

Dies hat, so erklärt Kantor Erdt, nicht nur musikalische Gründe, sondern ermöglicht wesentlich mehr Läutekombinationen. Da alle Glocken klanglich sehr gut untereinander harmonieren, kann sehr differenziert geläutet werden. „Die Aufgabe der Glocke ist ja nicht nur, anzuzeigen, dass eine liturgische Handlung stattfindet, sondern auch welche“, so Erdt. Dieser Grundsatz gilt schon seit dem Mittelalter: „Dies geht aber eben nur mit einer entsprechenden Anzahl von Glocken.“ In einer Läuteordnung ist genau festgelegt, zu welchem Anlass welche Glocken läuten, zum Gottesdienst anders wie zur Taufe oder Trauung, an Festtagen anders wie in der Fastenzeit oder auch zum Tageszeitengebet mit Einzelglocken. Oft werden Glocken deshalb auch nach ihrer Bestimmung benannt (Taufglocke, Vaterunserglocke etc.). Die neuen Weilheimer Glocken erhielten die Namen von Aposteln als Verbindung zum Kirchennamen Apostelkirche, der übrigens erst nach dem Umbau 1963 festgelegt wurde.


Tonaufnahmen der Glocken der Evang. Apostelkirche vom 27.11.2016

      Apostelkirche Weilheim - Glocke 1 solo
      Apostelkirche Weilheim - Glocke 2 solo
      Apostelkirche Weilheim - Glocke 3 solo
      Apostelkirche Weilheim - Glocke 4 solo

Recording: Tillman Wahlefeld


Japanische Glockenzier

Als Inschriften wurden Psalmen ausgesucht. In der vom 1974 in Tokio geborenen und in München lebenden Künstler Shigeyuki Miyagawa hergestellten Bildzier werden die Inschriften mit den Apostelsymbolen verbunden: Die große Glocke trägt den Namen Johannes, das Symbol ist der Adler und die Inschrift lautet Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang sei gelobet der Name des Herrn (Psalm 113,3). Die mittlere Glocke heißt Petrus, dessen Symbol der Schlüssel ist. Die Inschrift: Herr tue meine Lippen auf, daß mein Mund deinen Ruhm verkündige (Psalm 51,15). Die kleine Glocke trägt den Namen des Apostel Paulus, sein Symbol ist das Schwert. Unser Gott kommt und schweigt nicht (Psalm 50,3) heißt die Inschrift. Die drei Weilheimer Glocken, die durch Spenden der alteingesessenen Familien Handel, Liebl und Erdt finanziert wurden, erklingen in den Tonlagen g‘ (groß), a‘ (mittel) und c‘‘ (klein). Alle drei sind aus Bronze gegossen. Die alte, größte Glocke hat den Schlagton e‘ und besteht aus dem Material Euphon.

Glocken für Generationen

Ein neues Geläut ist für viele Kirchengemeinden ein Jahrhundert-Ereignis, eine Anschaffung, die nur alle paar Generationen mal über die Bühne geht – nicht so in Weilheim, wie die Geschichte zeigt.

Für die bereits erwähnten 4248 Mark bekam die neugotische Kirche, für die 1898 der Grundstein gelegt worden war, ein Jahr später drei Glocken: die größte mit dem Schlagton E und einem Gewicht von 18 Zentnern, die mittlere hatte den Ton Gis und wog neun Zentner und die kleinste mit fünfeinhalb Zentnern läutete mit dem Schlagton H. Knapp 18 Jahre konnten die drei Glocken ihrer Aufgabe nachkommen. Einer Aufgabe, die Weilheims Pfarrer Eberhard Hadem in einem „Geistlichen Wort“ im vierteljährlichen erscheinenden Gemeindebrief der Apostelkirche so beschreibt: Das Glockengeläut der eigenen Kirche stiftet Identität. „Die Glocken unserer Kirche erinnern mich daran“, sagt jemand zu mir, „dass ich hier zuhause bin.“ Und betont: „Als Christ, aber auch als Oberbayer, als Bürger der Stadt.“ Die Glocken rufen zu den Gottesdiensten, zu Taufe und Trauung, zur Beerdigung, zum Beten beim Vaterunserläuten, zum Morgen-, Mittags- und Abendgebet. Mögen Glocken auch in regelmäßigen Abständen erklingen und so dem Tag eine gewisse Struktur geben, so ist ein wichtiger Sinn ihres Daseins, die Monotonie und die Eigensinnigkeit des Alltags zu unterbrechen… Sie setzen unüberhörbare Impulse. Nicht unendlich oder penetrant lange, sondern kurz. Damit fördern sie die Aufmerksamkeit und die Wachsamkeit gegenüber allem, was auf Erden geschieht.

Glocken für Kanonen

Leider geschah es auf Erden zweimal, dass evangelische Glocken in Weilheim zum Verstummen gebracht wurden. 1917, während des Ersten Weltkriegs, wurden die große und die mittlere Glocke zu Rüstungszwecken eingeschmolzen. Acht Jahre später gab es zwei neue Glocken, deren Töne und Gewicht in keinen Aufzeichnungen mehr ersichtlich sind. Bekannt sind wohl die Inschriften auf den Glocken. Auf der erhaltenen kleinen Glocke stand: Ehre sei Gott in der Höhe. Auf den beiden neuen Glocken, die von der Firma Franz Schilling aus Apolda (Thüringen) hergestellt wurden, standen wohl die gleichen Sprüche wie auf ihren eingeschmolzenen Vorgängern: Friede auf Erden und Den Menschen ein Wohlgefallen. 1942, während des Zweiten Weltkriegs, mussten erneut zwei Glocken abgeliefert werden, um daraus Kriegsgerät zu schaffen.


Historische Tonaufnahmen der Glocken der Evang. Apostelkirche vom 24.10.2016 im alten Stahl-Glockenstuhl

      Apostelkirche Weilheim - Vaterunser-Glocke (1) 24.10.2016
      Apostelkirche Weilheim - Volles Geläut 24.10.2016

Recording: Tillman Wahlefeld


Elf Jahre später, 1953, gab es dann ein komplett neues Geläut im Kirchturm der Apostelkirche, das bis zum Herbst 2016 seinen Dienst versah: Die noch vorhandene kleine Glocke von 1899 wurde eingeschmolzen und der Erlös als Anzahlung zur Anschaffung einer neuen Glocke der Gießerei Czudnochowsky in Erding verwendet. Ergänzt wurde das Geläut durch zwei Leihglocken aus den ehemaligen Ostgebieten: eine 465 Kilo schwere Glocke von 1709 mit dem Schlagton a‘ (Gießer Sebastian und Sigmund Goetz aus Breslau/Gimmel) und eine 265 Kilo schwere Glocke von 1810 mit dem Schlagton c‘‘ (Gießer George Benjamin Krieger aus Breslau/Dirsdorf). Die beiden Leihglocken stammten vom Hamburger Glockenfriedhof, sie waren dort zwangsabgeliefert worden, aber nicht eingeschmolzen. Die Glocken aus den ehemaligen Ostgebieten wurden nach Kriegsende an  Kirchengemeinden verteilt, deren Glocken eingeschmolzen worden waren und die kein Geld hatten, sich neue anzuschaffen. Weilheim musste sich allerdings vertraglich verpflichten, die Glocken nicht zu verkaufen, zu verändern oder umzugießen – offiziell gehören sie immer noch den beiden Gemeinden Gimmel und Dirsdorf in Schlesien. Man hatte sogar befürchtet, dass die Kirchengemeinden nach der Wiedervereinigung die Glocken zurückfordern könnten. Dies war aber nicht der Fall. Und Versuche, sie jetzt wieder zurückzugeben, scheiterten. Sie werden dort nicht mehr gebraucht.

Deshalb wird die große der beiden Leihglocken ins Gemeindezentrum in Huglfing gebracht. Die kleinere Glocke kommt in das schlesische Museum in Königswinter, wo bereits Glocken ausgestellt sind. Die große Glocke von 1953 gibt im Turm der Apostelkirche weiterhin den Ton im Geläut mit den drei neuen Glocken an.

Ralf Scharnitzky